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Aktiv für Hannover
06.06.2021, 17:39 Uhr
Interview im FOCUS "Es muss ein Wandel stattfinden"
Mein Interview im Focus im Originaltext
Kommunalpolitiker Jesse Jeng verkündete auf Twitter, dass er nicht als Kandidat für Hannover bei der Bundestagswahl 2021 zur Verfügung stehen wird – da sonst nur Männer in der Region kandidieren würden. FOCUS Online hat er erzählt, warum Männer verzichten müssen und wie die CDU für Frauen attraktiver werden kann. 
Hannover -  "Doch man(n) kann nicht verkünden, mehr Frauen im Parlament zu unterstützen, um dann beizutragen, dass in 4 Kreisen der Region Hannover 4 Männer für CDU kandidieren", schreibt CDU-Politiker Jesse Jeng auf Twitter und verkündet, dass er nicht für Hannover bei der Bundestagwahl 2021 kandidieren werde, sondern einer Frau den Vortritt überlassen möchte. "Als Vorsitzender eines großen CDU-Verbandes in Hannover werde ich dafür werben, dass eine unserer engagierten CDU-Frauen Kandidatin wird!"

Jesse Jeng (32) ist Ratsherr im Rat der Landeshauptstadt in Hannover, Bezirksvorsitzender der Jungen Union Hannover und CDU Parteivorsitzender im Stadtteil Südstadt-Bult.

FOCUS Online: Warum haben Sie sich dazu entschieden bei der Bundestagswahl 2021 nicht für Hannover zu kandidieren?

Jesse Jeng: Es hat sich herausgestellt, dass vier Männer für vier Wahlkreise kandidieren wollen. Die anderen drei haben derzeit keine Gegenkandidaten, aber in meinen Kreis haben wir auch Bewerberinnen. Da ich der Vorsitzende des größten Ortsverbandes bin, im Wahlkampf von Ursula von der Leyen mitgearbeitet und für den Landtag kandidiert habe, habe ich mir aber gute Chancen ausgerechnet – und alle anderen auch. Ich bin trotzdem an den Punkt gekommen, an dem ich mich gefragt habe, ob ich wirklich so gut bin, dass ich ausgleichen kann, dass keine einzige Frau für Hannover kandidiert. Und nein: das bin ich nicht. So gut kann man nicht sein.
Ich bin vor einem Jahr Vater einer kleinen Tochter geworden. Sowohl meine Tochter als auch alle anderen Frauen in der Region Hannover, sollen auch eine Frau haben, die sie vertritt. Quote hin oder her –  Männer müssen verzichten. Am Anfang der Förderung von Frauen im Parlament steht der Verzicht von Männern. 
 

Was sagt das über die Bedeutung von Frauen in der CDU aus, wenn jemand wie Sie auf eine Position verzichten muss, damit Frauen eine "Chance" haben? 

Jeng: Dass ein Wandel stattfinden muss – und zwar jetzt. Wir brauchen den Verzicht von Männern, weil wir sofort etwas ändern müssen.
 

Wie haben Frauen wie Männer auf Ihre Entscheidung reagiert? 

Jeng: Auf den sozialen Netzwerken wurde mein Post tausendfach geliked. Viele Frauen haben mich persönlich angeschrieben und sich bedankt. Gleichzeitig haben sie, darunter auch die anderen Bewerberinnen, aber gesagt, dass sie den Wettbewerb nicht gescheut hätten. Und das ist auch richtig so. Ich bin kein Gönner. Das sind Frauen, die ernst zu nehmen sind, und die aus ihrem eigenen Willen heraus Chancen haben. Ich möchte aber meinen strukturellen Beitrag dazu leisten, dass es ihnen einfacher fällt.  

Haben Sie auch andere Reaktionen erhalten? 

Jeng: Ja, es gab Bürger aus dem Wahlkreis, auch Frauen, die kommentiert haben, dass sie das nicht wollen. Sondern, dass es ihnen auf die Vertretung im Wahlkreis ankommt und auf deren Qualifikation. Das kann die Wahrnehmung von manchen sein und womöglich dann ein Punkt, an dem ich Unterstützer verlieren könnte. Mir geht es aber nicht um Qualifikation, sondern ums Prinzip. 
 

Wie kam es zu dieser Einstellung? 

Jeng: Ich bin seit etwa sieben Jahren politisch tätig. Ich war in einem Parlamentsförderprogramm und habe dort nach einer Mentorin gesucht – und das war Ursula von der Leyen. Ich war später auch ihr Wahlkampfleiter. Sie hat mich einmal gefragt, wie ich zur Frauenquote stehe, weil sie so vehement dafür gekämpft hat. Ich sah zu dem Zeitpunkt aber ehrlicherweise noch nicht so das Problem. Ich bin seit 2011 in der freien Wirtschaft tätig und habe Frauen immer als Kolleginnen, Konkurrentinnen und Freundinnen erlebt. Für mich haben sie – zumindest in meiner wirtschaftlichen Karriere –die gleiche Rolle gespielt wie Männer. Wenn man über sich sagen kann, dass man selbst nicht diskriminiert, dann vergisst man manchmal, wie schlimm das Problem doch ist.

Ursula von der Leyen hat mir das Phänomen "Pinguine stellen nur Pinguine ein" erklärt: Menschen bevorzugen Menschen, die ihnen sozial gleich sind. Sie hat mir auch erzählt, dass es soziologisch bewiesen ist, dass Frauen schlechter beurteilt werden als Männer – oft unbewusst. Das sind Dinge, die ich vorher nicht wusste, und das hat mein Denken nachhaltig geprägt.

Wie stehen Sie denn jetzt zu einer Frauenquote?

Jeng: Ich habe meine Entscheidung nicht zu kandidieren, unabhängig von einer Quote getroffen. Dennoch glaube ich, dass wir beim CDU-Parteitag zwei Dinge beschließen müssen. Das eine: Wir müssen strukturell etwas ändern und dafür liegt jetzt auch der Vorschlag für eine Quote auf dem Tisch. Bis 2025 sollen Parteilisten und Vorstandsmandate paritätisch besetzt sind, also gleich viele Frauen wie Männer. Aber das reicht mir nicht aus. 

Wir haben viele Frauen an der Spitze der CDU, die der Partei einen wichtigen Dienst erweisen und Vorbild für viele Politikerinnen sind. Damit komm ich zum zweiten Punkt, den auch Friedrich Merz schon öfter genannt hat: es ist nicht ausreichend, nur die oberen Positionen anzuschauen, sondern es ändert sich in der Partei nur was, wenn es die gesamte Mitgliedschaft betrifft. Es muss einfach mehr Anreize geben, Frauen als Mitglieder zu gewinnen (Anm. d. Red.: aktuell sind etwa 26 Prozent der CDU-Mitglieder weiblich).  

Woran liegt es, dass wenig Frauen in der Partei sind? 

Jeng: Zur Erklärung habe ich ein Beispiel: Parteisitzungen finden von 19 bis 22 Uhr in irgendwelchen Eckkneipen statt. Familienunfreundlicher geht es nicht. Das sind Zeiten, zu denen viele Frauen noch einen geschäftlichen Anruf am einen Ohr haben, in der Küche stehen und nebenbei den Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Auch wenn sich das heutzutage immer mehr verteilt, ist es doch bei vielen noch so, dass die Frau diese Verantwortung übernimmt. Da muss man sich als Partei nicht wundern, wenn keine Frauen kommen, wenn die Strukturen so sind, wie sie sind. 

Nach 20 Jahren weiblicher Führung sind im aktuellen Machtkampf um die Parteispitze nur Männer im Rennen. Musste es nach Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer so kommen? 

Jeng: Auf gar keinen Fall. Ich bin der Meinung, dass es schöner gewesen wäre, wenn eine Frau dabei wäre – auch für das Außenbild. Aber es ist ein Fehler in der öffentlichen Wahrnehmung, sich so auf die Spitzenpositionen zu konzentrieren. Die Partei hat 400.000 Mitglieder. Deswegen eine Gegenfrage: Wenn eine Frau kandidieren würde, wäre dann alles gut in der CDU? Ich denke mal nicht. Nicht nur Frauen genauso wie Männer, auch Homosexuelle, queere Menschen -  jeder, unabhängig von der Hautfarbe, muss freie Fahrt für eine Karriere in der CDU haben. 
 

Könnte es dennoch ein Rückschritt in der öffentlichen Wahrnehmung sein, wenn nicht mehr eine Frau, sondern ein Mann an der Spitze der CDU steht?  

Jeng: Für mich ist es kein Rückschritt, solange sich die Männer klar zu den Frauen in der CDU bekennen.  

Ist Ihnen Ihr Verzicht auf den nächsten Schritt in Ihrer Karriere leichtgefallen? 

Jeng: Die Entscheidung ist mir überhaupt nicht leichtgefallen. Ich musste mich immer innerhalb der Partei durchsetzen und habe darauf hingearbeitet, Verantwortung zu übernehmen. Die Chance für so etwas zu kandidieren kommt nicht oft. Das war schon ein Traum. Aber am Ende habe ich meine Entscheidung mit voller Souveränität getroffen. Ich bin Familienvater, hauptberuflich Investment-Vorstand eines Technologie-Unternehmens und werde mich weiterhin ehrenamtlich in der Kommunalpolitik einsetzen. Wenn sich nochmal eine größere Chance ergibt, würde ich mich freuen. Und wenn nicht, werde ich auch glücklich.